Es ist der große Elefant im Raum: Joomla fehlt eine verlässliche, langfristige Roadmap für das Content-Management-System. Neue Funktionen in den Versionen wurden bisher hauptsächlich von den persönlichen Vorlieben einzelner Mitwirkender bestimmt – nicht von einer langfristigen Strategie. Höchste Zeit also, dieses Problem zu lösen.

Um genau das zu tun, versammelte sich Anfang September eine Gruppe von Menschen in einem kleinen Dorf im Süden Deutschlands, um die große Frage zu beantworten: Wohin soll sich Joomla entwickeln?

Die Ankunft

Teilnehmende des Sprints an einem Restauranttisch
Teilnehmende des Sprints an einem Restauranttisch

Tag 0, und es gab viele Fragen: Haben wir die richtigen Leute ausgewählt? Wie ist der Ort? Doch das kam später. Zuerst mussten alle ankommen und sich gegenseitig kennenlernen.

Also beschlossen wir, gemeinsam in ein lokales Restaurant zu gehen und mit einer ersten Vorstellungsrunde zu beginnen. Es gab spannende Gespräche, und man spürte förmlich die Begeisterung und Motivation aller Beteiligten. Ein vielversprechender Start – besonders, als später am Abend schon erste Ideen und Konzepte diskutiert und notiert wurden.

Wir waren bereit für den Start.

Tag 1 – Erwartungsmanagement

Nach einem frühen Frühstück konnte der Tag beginnen. Die erste Herausforderung bestand darin, die unterschiedlichen Erwartungen abzustimmen. Jede:r Teilnehmer:in hatte andere Vorstellungen über das Ziel des Sprints und die Fragen, die in den nächsten Tagen beantwortet werden sollten. Schon am ersten Abend war klar geworden, dass viele Ideen im Raum stehen. Wie also bringen wir alle auf denselben Stand? Und decken wir alle Zielgruppen ausreichend ab?

Wir starteten deshalb mit einer kurzen Einführungsrunde: Wie sehen wir die Zukunft von Joomla? Wer sind wir, und mit welcher Zielgruppe arbeiten wir? Das Ergebnis war sehr vielfältig – eine perfekte Grundlage für solch einen Sprint. Und somit wir konnten sicherstellen, dass verschiedene Perspektiven und Bedürfnisse berücksichtigt werden.

Flipchart mit Zielgruppen
Flipchart mit Zielgruppen

Als Nächstes brauchten wir ein gemeinsames Verständnis, wo Joomla aktuell steht: Was sind die Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken? Klingt nach einem klassischen S-W-O-T-Modell. Also begannen wir in drei Gruppen diese Aspekte zu sammeln.

Sigrid Gramlinger wirkt überwältigt vom Flipchart-Ergebnis
Sigrid Gramlinger wirkt überwältigt vom Flipchart-Ergebnis

Das Ergebnis war umfangreich … und unorganisiert. Viel mehr, als wir an einem Wochenende bewältigen konnten. Außerdem war alles gemischt: Ideen zum Produkt/CMS (dafür war dieser Sprint gedacht) und Themen zum Projekt/zur Organisation (darüber später mehr). Also legten wir die Projektfragen zunächst beiseite und konzentrierten uns auf die Produktideen.

Wir setzten auf unsere “Schwarmintelligenz” – jede:r konnte die Top 3 Einträge pro Kategorie (S-W-O-T) wählen. So bekamen wir einen klaren Überblick, welche Punkte Priorität haben.

Mehrere Einträge waren doppelt, manche konnten thematisch zusammengefasst werden.

Am Ende hatten wir ein gemeinsames Verständnis der Fokus-Themen für diesen Sprint.

Nach dieser Übersicht machten wir eine kurze Snackpause mit lebhaften Diskussionen.

Flipchart mit SWOT-Analyse
Flipchart mit SWOT-Analyse

Nun wussten wir, was zu lösen war – und nun sollte es um das “Wie” gehen. Welche Änderungen braucht Joomla, um seine Stärken zu nutzen, Schwächen zu überwinden, Chancen zu ergreifen und Risiken zu vermeiden? Dafür nutzten wir die Blue Ocean Strategy, um neue Möglichkeiten und Funktionen zu finden.

Diese Methode hilft schnell zu erkennen, wo man etwas verbessern, hinzufügen, entfernen oder vereinfachen kann. Obwohl „Blue Ocean“ nicht perfekt ist, bietet es einen guten Überblick und fördert das Brainstorming. Also bildeten wir neue Gruppen und machten uns an die Arbeit.

Blue Ocean Strategy mit vielen bunten Post-its
Blue Ocean Strategy mit vielen bunten Post-its

Das Ergebnis war eine Liste von Funktionen, die Joomla zukunftsfähiger machen könnten. Wir gruppierten sie – und kamen… in Zeitnot.

Ein weiteres Flipchart mit bunten Post-its und Features
Ein weiteres Flipchart mit bunten Post-its und Features

Wir hatten der Community zugesagt, um 17 Uhr in einem Online-Meeting ein Update zu geben, also bereiteten wir eine kurze Präsentation vor. Lektion gelernt: Es ist nicht einfach, Leute in einen Online-Call einzubinden, wenn man ein reines Offline-Event hat – vor allem ohne Vorbereitung.

Nach der Session setzten sich insbesondere David und Sigrid zusammen, um zu überlegen, wie die Community künftig besser eingebunden werden kann. Das führte zu einem Bewertungssystem in einem Fragebogen mit jeweils vier Kriterien für jede Funktion/Idee:

  • Wettbewerbsvorteil

  • Nutzen für Joomlas Zielgruppen

  • Einfachheit der Umsetzung

  • Risiko für Rückwärtskompatibilität

Wir hofften auf direktes, hilfreiches Feedback aus der Community – und ließen den Abend mit Pizza und guter Laune ausklingen.

Alle Teilnehmenden am Tisch mit Pizza
Alle Teilnehmenden am Tisch mit Pizza

Tag 2 – Priorisierung & Bewertung

Nach einem weiteren großartigen Frühstück starteten wir den zweiten Tag.
Mit dem Bewertungssystem vom Vortag moderierte David detaillierte Runden mit „Planning Poker“, um ein gemeinsames Verständnis für jede Funktion zu schaffen. Das dauerte mehrere Stunden, lief aber in konstruktiver Atmosphäre mit intensiven Diskussionen.

Am Ende füllte jede:r das Bewertungsformular aus, und wir erhielten ein Gesamtergebnis – aus Community- und Sprint-Bewertungen zusammen. Um Verzerrungen zu vermeiden, berechneten wir den Median für jede Funktion und summierten die Werte. So hatte etwa eine Person, die einfach alles mit „1“ bewertet, weniger Einfluss auf das Gesamtergebnis.

Das Resultat war eine schön sortierte Liste (abrufbar online – mit Tabs für Detailbewertungen und Gesamtliste). Da wir den Drittanbieter-Markt nicht schwächen wollen, bildeten wir erneut Gruppen, um zu prüfen, ob es bereits etablierte Erweiterungen gibt, Abhängigkeiten bestehen und eine erste Aufwandsschätzung möglich ist.

Wie kann es nun mit der Liste weitergehen?
Wir waren uns einig: Die Top-Einträge brauchen detaillierte Beschreibungen – inklusive dessen, was nicht Teil des Features sein soll. Auch die Rahmenbedingungen (Voraussetzungen, Umsetzungspfad) mussten erarbeitet werden.

So entstanden die ersten Produkt-Steckbriefe. Nach Fertigstellung sollen sie vom Board und dem Production Department von Joomla freigegeben und auf der Developer-Website als eine Art Roadmap veröffentlicht werden.

Parallel stand das nächste Community-Update als Online-Meeting an, in dem wir die bisherigen Ergebnisse präsentierten.

Ein langer, intensiver Tag endete mit einem großartigen Grillabend, organisiert von Stefan – vielen Dank!

Tag 3 – Abschluss

Flipchart mit SWOT-Analyse
Flipchart mit SWOT-Analyse

Am letzten halben Tag klärten wir die verbleibenden Aufgaben. Einige finalisierten die Produkt-Datenblätter, andere kümmerten sich um die Projektideen, die wir am ersten Tag beiseite gelegt hatten.

Dabei entstanden viele neue Ideen, die hoffentlich einen Outreach-Department-Sprint unterstützen werden. Auch Themen für das Board wurden besprochen und von Sigrid dokumentiert.

Nach einer abschließenden Feedbackrunde und dem Aufräumen der Location war der Sprint vorbei – mit einem richtig guten Gefühl.

Teilnehmer:innen

Gruppenfoto
Gruppenfoto

Vielen Dank an Dimitris, Carst, Arend-Henk, David, Robert, Marco, Harald, Benjamin, Maarten, Laura, Tom, Sigrid, Rachel und Stefan.

Fazit & Nächste Schritte

Was bleibt vom Sprint?
Wurde ein „ready-to-kickoff“-Dokument mit detailliertem Plan erstellt? Wahrscheinlich nicht.
Aber: Zum ersten Mal seit vielen Jahren gibt es eine Initiative und den Entwurf einer langfristigen Roadmap.

Diese Roadmap braucht natürlich noch Feinschliff (daran arbeiten wir gerade), und es müssen Menschen gefunden werden, die helfen, die Ideen umzusetzen – also dich, als Teil der Community!

Da die Blue-Ocean-Methode nicht alle Aspekte abdeckt, müssen einige Bewertungen noch gewichtet werden. Eine Funktion, die z. B. nicht abwärtskompatibel ist, ist nicht automatisch schlecht – sie muss nur umsichtig behandelt werden und kann ein Gamechanger sein.

Ende September war ein weiteres Treffen geplant, um die nächsten Schritte zu definieren und „Feature-Verantwortliche“ zu benennen – also Joomler:innen, die bestimmte Features betreuen, Projektmanagement übernehmen und als Ansprechpersonen fungieren.

Anschließend soll eine finale Strategie ausgearbeitet, vom Board und dem Production-Department freigegeben und veröffentlicht werden.

Wir planen weitere Events, bei denen ihr euch direkt einbringen könnt, um Joomla zu verbessern. Die Ergebnisse werden derzeit aufbereitet und bald veröffentlicht – und wir hoffen, dass ihr dabei seid!

Kommt einfach auf Mattermost oder kontaktiert uns direkt, wenn ihr mitmachen wollt.

Wir hatten eine großartige Gruppe von Menschen beim Sprint.
Wir haben gelernt: Auch mit vielen unterschiedlichen Meinungen kann man drei Tage lang intensiv zusammenarbeiten – ohne Streit und in guter Stimmung.

Und genau das ist es, wofür Joomla! steht:
Alle gemeinsam.

 

Original Artikel (englisch): https://magazine.joomla.org/all-issues/september-2025/joomla-8-sprint-next-steps

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